Gefährdungsbeurteilung erstellen: Anleitung in 7 Schritten
Die Gefährdungsbeurteilung ist die zentrale Pflicht jedes Arbeitgebers nach § 5 ArbSchG. Wer sie zum ersten Mal erstellt, ist oft überfordert — die gesetzlichen Vorgaben sind abstrakt, die Praxis unübersichtlich. Diese Anleitung zeigt in 7 konkreten Schritten, wie Sie für Ihren Betrieb eine rechtssichere GBU erstellen.
7 Schritte
nach DGUV-Methodik
2–4 Stunden
für kleinen Handwerksbetrieb
§ 5 ArbSchG
Rechtliche Grundlage
Keine Kreditkarte · Keine Mindestlaufzeit
Was Sie in dieser Anleitung lernen
- Welche Tätigkeiten und Bereiche Sie erfassen müssen
- Die 8 Gefährdungsfaktoren nach DGUV (inkl. psychische Belastungen)
- Wie die Risikomatrix richtig angewandt wird
- Das STOP-Prinzip für die Maßnahmen-Auswahl
- Was Wirksamkeitskontrolle bedeutet und wann sie fällig ist
- Die 6 häufigsten Fehler bei der GBU-Erstellung
- Wie lange eine erste GBU realistisch dauert
Bereits eine GBU vorhanden? Zum vollständigen GBU-Ratgeber
Bevor Sie anfangen — was Sie vorbereiten sollten
Wer sofort loslegt, ist nach 10 Minuten oft frustriert. 30 Minuten Vorbereitung sparen hinterher Stunden.
Wer ist zuständig?
Wer erstellt, wer gibt frei, wer unterschreibt? Namen und Rollen vorab klären.
Welche Dokumente brauchen Sie?
Organigramm, Liste aller Arbeitsplätze, Liste aller Maschinen/Arbeitsmittel, Gefahrstoff-Verzeichnis (falls vorhanden).
Gibt es schon Vorarbeiten?
Alte GBU-Dokumente, Sifa-Berichte, BG-Unterlagen oder Muster aus Branchenverbänden sichten.
Welche Quellen helfen?
DGUV-Branchenvorlagen (dguv.de), BG-Handlungshilfen — für die meisten Branchen kostenlos verfügbar.
Die 7 Schritte im Überblick
Die DGUV definiert die Gefährdungsbeurteilung als 7-stufigen Prozess. Die GBU ist dabei nie endgültig fertig — die Erstellung ist der erste Durchgang, danach beginnt die laufende Fortschreibung.
Erfassen
Arbeitsbereiche & Tätigkeiten
30–60 Min
Ermitteln
Gefährdungen identifizieren
60–120 Min
Beurteilen
Risiko bewerten
30–60 Min
Festlegen
Maßnahmen planen (STOP)
60–90 Min
Durchführen
Maßnahmen umsetzen
variabel
Prüfen
Wirksamkeit kontrollieren
30–60 Min
Dokumentieren
Schriftlich festhalten
30 Min
Erfassen
Arbeitsbereiche & Tätigkeiten
30–60 Min
Ermitteln
Gefährdungen identifizieren
60–120 Min
Beurteilen
Risiko bewerten
30–60 Min
Festlegen
Maßnahmen planen (STOP)
60–90 Min
Durchführen
Maßnahmen umsetzen
variabel
Prüfen
Wirksamkeit kontrollieren
30–60 Min
Dokumentieren
Schriftlich festhalten
30 Min
Erfassen
Arbeitsbereiche & Tätigkeiten
30–60 Min
Ermitteln
Gefährdungen identifizieren
60–120 Min
Beurteilen
Risiko bewerten
30–60 Min
Festlegen
Maßnahmen planen (STOP)
60–90 Min
Durchführen
Maßnahmen umsetzen
variabel
Prüfen
Wirksamkeit kontrollieren
30–60 Min
Dokumentieren
Schriftlich festhalten
30 Min
Schritt 1 — Arbeitsbereiche und Tätigkeiten erfassen
30–60 MinutenBevor Sie Gefährdungen beurteilen können, müssen Sie wissen, was in Ihrem Betrieb passiert. Erstellen Sie eine vollständige Liste aller Arbeitsbereiche und der dort durchgeführten Tätigkeiten.
Beispiel: Schreinerbetrieb mit 6 Mitarbeitern
| Arbeitsbereich | Tätigkeiten |
|---|---|
| Werkstatt Zuschnitt | Zuschnitt mit Kreissäge, Plattentransport, Staubabsaugung |
| Werkstatt Oberfläche | Schleifen, Lackieren mit Spritzpistole, Trocknen |
| Büro | Bildschirmarbeit, Ablage, Kundenempfang |
| Fuhrpark | Be-/Entladen, Transportfahrten, Lieferung zur Baustelle |
Häufige Stolperfalle
Tipp
Schritt 2 — Gefährdungen ermitteln
60–120 MinutenFür jede Tätigkeit aus Schritt 1: Welche Gefährdungen gibt es? Die DGUV unterscheidet 8 Gefährdungsfaktoren:
Mechanische Gefährdungen
Schnitt, Quetschung, Stoß
Elektrische Gefährdungen
Stromschlag, Lichtbogen
Gefahrstoffe
Reizung, Vergiftung, Brand
Biologische Gefährdungen
Keime, Viren (Gesundheitswesen)
Physikalische Einwirkungen
Lärm, Vibration, Hitze, UV
Brand- und Explosionsgefahr
Gefahrstoffe, Staubexplosion
Ergonomische Faktoren
Haltungsschäden, Heben
Psychische Belastungen
Zeitdruck, Stress, Konflikte
Beispiel: Tätigkeit “Zuschnitt mit Kreissäge”
- MechanischSchnittverletzung, Rückschlag, Quetschung
- ElektrischStromschlag bei defektem Kabel oder Gehäuse
- GefahrstoffeHolzstaub (MAK-Wert beachten, Expositionslimit)
- PhysikalischLärm (Richtwert >85 dB — Gehörschutz Pflicht)
- ErgonomischBelastung beim Heben und Halten großer Platten
Häufige Stolperfalle
Tipp
Schritt 3 — Gefährdungen beurteilen
30–60 MinutenFür jede Gefährdung: Wie hoch ist das Risiko? Die Risikomatrix kombiniert Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensschwere.
Risikobewertungs-Matrix — Schritt 3
Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensschwere
Gering
Mittel
Hoch
Wahrscheinlich
Möglich
Unwahrscheinlich
Konkrete Beispiele:
Schnittverletzung Kreissäge (Möglich × Mittel)
Rückenbelastung beim Heben schwerer Platten (Wahrscheinlich × Mittel)
Stromschlag defektes Kabel (Unwahrscheinlich × Hoch)
Häufige Stolperfalle
Tipp
Schritt 4 — Maßnahmen festlegen — das STOP-Prinzip
60–90 MinutenFür jede mittel- oder hochriskante Gefährdung: Welche Maßnahme reduziert das Risiko? Die DGUV-Methodik kennt das STOP-Prinzip — Maßnahmen werden in einer festen Reihenfolge gewählt, von wirkungsstärksten zu wirkungsschwächsten:
Substitution
Kann die Gefahr ganz vermieden werden? Ungefährlicherer Prozess oder Stoff?
Beispiel: Lack auf Wasserbasis statt Lösemittel-Lack
Technische Maßnahmen
Gefahrenquelle durch Technik abschirmen oder beseitigen.
Beispiel: Schutzvorrichtung an Kreissäge, Staubabsaugung
Organisatorische Maßnahmen
Arbeitsabläufe so gestalten, dass Risiken minimiert werden.
Beispiel: Zugangsbeschränkung, Rotation bei belastenden Tätigkeiten
Persönliche Schutzausrüstung
Nur wenn S, T und O nicht ausreichen. PSA ist immer die letzte Wahl.
Beispiel: Gehörschutz, Schutzbrille, Atemschutz
Maßnahmen-Plan — STOP-Prinzip
Gefährdung: Rückenbelastung beim Heben schwerer Platten
| STOP | Maßnahme | Verantwortlich | Frist | Status |
|---|---|---|---|---|
S | Plattengröße reduzieren — Lieferant wechseln | GF Meier | 30.04.2026 | Offen |
T | Hebe-Vakuum-Gerät anschaffen | WL Schmidt | 15.05.2026 | Erledigt |
O | Zwei-Personen-Prinzip beim Heben einführen | Sifa Weber | 01.05.2026 | In Umsetzung |
P | Rückenschutz-Training für alle Mitarbeiter | Sifa Weber | 30.06.2026 | Geplant |
Plattengröße reduzieren — Lieferant wechseln
GF Meier · bis 30.04.2026
Hebe-Vakuum-Gerät anschaffen
WL Schmidt · bis 15.05.2026
Zwei-Personen-Prinzip beim Heben einführen
Sifa Weber · bis 01.05.2026
Rückenschutz-Training für alle Mitarbeiter
Sifa Weber · bis 30.06.2026
Fiktive Beispieldaten — Schreinerbetrieb Musterbau GmbH
Häufige Stolperfalle
Schritt 5 — Maßnahmen durchführen
variabelJede Maßnahme braucht zwei Dinge, damit sie tatsächlich umgesetzt wird:
Eine verantwortliche Person
Mit Name — nicht “der Chef” oder “jemand aus der Werkstatt”. Ein konkreter Mensch mit Verantwortung.
Ein konkretes Datum
“Bis Ende des Jahres” ist kein Datum. “Bis 30.06.2026” ist ein Datum.
Häufige Stolperfalle
Schritt 6 — Wirksamkeit prüfen
30–60 MinutenNach der Umsetzung: Hat die Maßnahme tatsächlich gewirkt? Das ist nicht automatisch so — eine Maßnahme kann umgesetzt sein, aber praktisch umgangen werden.
Wurde die Maßnahme tatsächlich vollständig umgesetzt?
Reduziert sie das Risiko wie geplant — oder gibt es Lücken?
Entstanden dabei neue Gefährdungen, die nicht geplant waren?
Sind die betroffenen Mitarbeiter eingebunden und informiert?
Beispiel: Maßnahme “Absaugung an Kreissäge installieren”
- Eingebaut? Ja.
- Staub reduziert? Ja, MAK-Wert deutlich unter Grenzwert.
- Neue Risiken? Erhöhter Lärm durch Absauglüfter — nachmessen.
Tipp
Schritt 7 — Dokumentieren und fortschreiben
30 MinutenDie Dokumentation ist der nachweisfähige Kern der GBU. Ohne Dokumentation gilt sie bei einer BG-Kontrolle als nicht vorhanden — unabhängig davon, ob Sie die Arbeit tatsächlich gemacht haben.
Diese Darstellung ist eine allgemeine Information und ersetzt keine individuelle Fachberatung.
Pro Arbeitsbereich dokumentieren:
- Tätigkeiten und Arbeitsplätze
- Identifizierte Gefährdungen
- Risikobewertung (mit Begründung)
- Festgelegte Maßnahmen
- Umsetzungsstatus
- Wirksamkeitsprüfung
- Datum und Unterschrift
Wann die GBU aktualisieren?
- Neue Arbeitsplätze oder Tätigkeiten
- Neue Arbeitsmittel oder Gefahrstoffe
- Nach Arbeitsunfällen oder Beinahe-Unfällen
- Nach Gesetzesänderungen oder neuen Normen
- Mindestens alle 2 Jahre proaktiv
Tipp
Häufige Fehler bei der GBU-Erstellung
Diese 6 Fehler kommen in der Praxis am häufigsten vor — und sind vermeidbar, wenn man sie kennt.
Zu abstrakt formuliert
"Verletzungsrisiko" ist nicht akzeptabel.
Besser: "Schnittverletzung beim manuellen Zuschneiden mit Cutter-Messer im Verpackungsbereich."
PSA als Erstmaßnahme
"Mitarbeiter trägt Schutzbrille" — wenn eine Schutzscheibe an der Maschine möglich wäre.
Besser: STOP-Prinzip einhalten: Technik vor PSA.
Psychische Belastungen fehlen
In 70 % der KMU-GBUs nicht vorhanden — Standard-Beanstandungspunkt bei BG-Kontrollen.
Besser: Zeitdruck, Konflikt, Monotonie, Kundenkontakt explizit bewerten.
Maßnahmen ohne Verantwortlichen
"Jemand soll sich darum kümmern" — führt nie zur Umsetzung.
Besser: Name + Datum pro Maßnahme — zwingend.
Keine Wirksamkeitskontrolle
§ 3 Abs. 1 ArbSchG verlangt ausdrücklich die Überprüfung der Wirksamkeit.
Besser: Pro Maßnahme: Prüftermin und Ergebnis dokumentieren.
GBU wird nie aktualisiert
Eine 3 Jahre alte GBU ohne Fortschreibung ist juristisch wertlos.
Besser: Mindestens alle 2 Jahre überprüfen — im Kalender als Wiedervorlage anlegen.
Wie viel Zeit brauche ich für meine erste GBU?
Realistische Angaben für die Planung — nicht die optimistischen “5 Minuten”-Versprechen anderer Quellen.
Einzelperson / kleiner Handwerksbetrieb (1–5 MA)
Vorbereitung
30 Min
7 Schritte
3–5 Stunden
Gesamt
4–6 Stunden
Kleinbetrieb (5–20 MA, mehrere Arbeitsbereiche)
Vorbereitung
1 Stunde
7 Schritte
5–11 Stunden
Gesamt
1–2 Arbeitstage
Mittlerer Betrieb (20–100 MA)
Vorbereitung
Mehrere Sitzungen mit Sifa, Betriebsrat
7 Schritte
verteilt über mehrere Wochen
Gesamt
3–7 Arbeitstage
Die erste GBU dauert am längsten. Folgejahre mit Fortschreibung benötigen typisch nur 25–50 % der ursprünglichen Zeit.
Werkzeug-Wahl: Papier, Excel oder Software?
Papier
Geeignet für: 1–2 Mitarbeiter
+ Kein Aufwand für Einrichtung
– Bei Änderungen schnell unübersichtlich, kein Audit-Trail
Excel
Geeignet für: 5–20 Mitarbeiter
+ Flexibel, kein Kosten-Einstieg
– Ab 10+ Arbeitsplätzen wird Pflege zur Herausforderung — keine Erinnerungen, Versionskonflikte
Software
Geeignet für: ab 10 Mitarbeitern
+ Erinnerungen, History, mehrere Nutzer, Export
– Monatlicher Kostenbeitrag
Weiterführende Seiten zur GBU
- Vollständiger GBU-Ratgeber — Rechtsgrundlagen, Pflichtbestandteile, Fristen
- GBU-Vorlage — Was in jede GBU gehört (komplementär zu dieser Anleitung)
- Unterweisungen dokumentieren — nach GBU-Erstellung folgt die Schulung
- Sicherio 14 Tage kostenlos testen — GBU-Software für KMU
- Alle Funktionen und Preise im Überblick
Häufige Fragen zur GBU-Erstellung
Nächste Schritte
GBU direkt in Sicherio erstellen
Branchenvorlagen, Maßnahmen-Tracking, automatische Erinnerungen — direkt einsatzbereit.
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Vertiefung
Vollständiger GBU-Ratgeber
Rechtsgrundlagen, Pflichtbestandteile, Fristen und häufige Rechtsfragen — alles auf einer Seite.
Zum GBU-RatgeberZum Inhalt dieser Seite
Die hier dargestellten Informationen beruhen auf einer sorgfältigen Auswertung öffentlich zugänglicher Rechts- und Fachquellen zum Stand der letzten Aktualisierung. Sie sollen einen ersten Überblick über die jeweilige Fachthematik geben und die eigenverantwortliche Orientierung erleichtern.
Die Inhalte stellen keine Rechts- oder Fachberatung im Einzelfall dar und ersetzen nicht die Prüfung durch eine qualifizierte Fachkraft — etwa eine Fachkraft für Arbeitssicherheit (SiFa). Für die konkrete Anwendung auf Ihren Betrieb ist eine individuelle fachliche Bewertung erforderlich.
Trotz sorgfältiger Recherche können sich Gesetzeslagen, Normen und behördliche Auslegungen ändern. Wir übernehmen keine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der dargestellten Informationen.
Hinweise auf Fehler oder veraltete Angaben nehmen wir gerne unter kontakt@sicherio.de entgegen.