Arbeitsschutz in Lager und Logistik — Stapler, Regale, Rücken
In keiner anderen Branche treffen so viele Risiken aufeinander wie in Logistik und Lager: 3-Tonnen-Stapler fahren neben Fußgängern, tonnenschwere Regale können umkippen, Mitarbeiter heben täglich hunderte Pakete. Die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) meldet jährlich tausende Arbeitsunfälle — die häufigsten: Stolper-, Rutsch- und Sturzunfälle, Unfälle mit Flurförderzeugen und Muskel-Skelett-Verletzungen durch falsches Heben.
Dazu kommt: Das Regal das "schon immer so stand" ist vielleicht seit 3 Jahren nicht inspiziert worden — ein Verstoß gegen DIN EN 15635 der im schlimmsten Fall zum Regaleinsturz führt. Dieser Leitfaden zeigt was Ihr Lager braucht.
Die BGHW — Ihre Berufsgenossenschaft für Lager und Logistik
- Die BGHW (Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik) ist zuständig für Lagerhaltung, Spedition, Paketdienste, Großhandel, Einzelhandel mit Lager
- Auch die BG Verkehr ist für Teile der Logistik zuständig (Speditionen, Transportunternehmen)
- Fokus bei Kontrollen: Staplerverkehr und Fußgängersicherheit, Regalzustand, Ladungssicherung, manuelle Lastenhandhabung
Die BGHW kennt die Schwerpunkte: 40% der schweren Unfälle in Lagern passieren im Zusammenhang mit Flurförderzeugen oder Regalen.
Die 5 größten Gefahren im Lager
1. Stapler vs. Fußgänger — die tödliche Kombination
- Gabelstapler wiegen 3–5 Tonnen und haben eingeschränkte Sicht nach hinten und zur Seite
- Anfahrunfälle: Stapler übersieht Fußgänger an Kreuzung, Regalgang, Verladetor
- Quetschung: Person zwischen Stapler und Regal/Wand eingeklemmt
- Überfahren: Rückwärtsfahrender Stapler übersieht Person
Schutzmaßnahmen:
- Getrennte Verkehrswege für Stapler und Fußgänger (Markierung, Absperrung)
- Spiegel und Durchsichtfenster an unübersichtlichen Kreuzungen
- Geschwindigkeitsbegrenzung (typisch: 10 km/h im Lager, Schrittgeschwindigkeit in Kreuzungsbereichen)
- Rückfahrkameras und akustische Warnsignale
- Warnwesten für alle Fußgänger im Lagerbereich
- Fahrerlaubnis: Nur ausgebildete und schriftlich beauftragte Staplerfahrer (DGUV Vorschrift 68 §7)
2. Regaleinsturz — die unterschätzte Katastrophe
Ein umstürzendes Schwerlastregal kann hunderte Kilo bis mehrere Tonnen freisetzen. Häufigste Ursache: Anfahrschaden durch Stapler, gefolgt von Überlastung, fehlerhafter Montage und fehlender Bodenverankerung.
Regalinspektion nach DIN EN 15635:
- Wöchentliche Sichtprüfung durch geschultes Personal (Regalbeauftragter)
- Jährliche Experteninspektion durch qualifizierten Regalprüfer
- Schadenskategorien: Grün (OK), Gelb (beobachten), Orange (sofort entlasten + reparieren), Rot (sofort sperren)
- Anfahrschäden an Stehern: Ab 5 mm Verformung = Handlungsbedarf
Ein einzelner Anfahrschaden an einem Stützenprofil kann die Tragfähigkeit des gesamten Regals um 50% reduzieren.
3. Manuelle Lastenhandhabung — der Rücken-Killer
Kommissionierer heben täglich 200–500 Einzelstücke — oft unter Zeitdruck. Muskel-Skelett-Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in der Logistik.
- LasthandhabV: GBU für manuelle Lastenhandhabung ist Pflicht
- Leitmerkmalmethode (LMM): Standardverfahren zur Bewertung der Belastung
- Richtwerte: 25 kg für Männer, 15 kg für Frauen (keine absoluten Grenzen)
Schutzmaßnahmen:
- Technische Hilfsmittel: Hubtische, Vakuumheber, Scherenhubtische
- Organisatorisch: Job-Rotation, Pausen, Belastungswechsel
- Ergonomische Lagerplatzgestaltung: Schwere Artikel auf Griffhöhe (60–100 cm)
- Unterweisung: Richtiges Heben und Tragen
4. Ladungssicherung — auf dem Weg zum Kunden
Ungesicherte Ladung auf LKW: Gefahr für Fahrer, andere Verkehrsteilnehmer und Entladepersonal.
- DGUV Regel 100-001 + VDI 2700: Anforderungen an Ladungssicherung
- Verantwortlich: Fahrer, Verlader und Halter — alle drei!
- Häufige Fehler: Zu wenige Gurte, falsche Zurrmittel, Ladung nicht formschlüssig verladen
5. Tore, Rampen und Verladebereich
- Quetschgefahr an Schnelllauftoren, Rolltoren, Sektionaltoren
- Absturz von der Rampe (Höhenunterschied 1–1,5 m)
- Verladebetrieb: LKW fährt weg während noch beladen wird
Schutzmaßnahmen: Torprüfung (12 Mo), Radvorleger, Kommunikation Fahrer/Verlader
Sicherio bietet GBU-Vorlagen für Lager, Kommissionierung und Verladebereich. Prüffristen für Stapler, Regale, Tore und Brandschutz vorinstalliert.
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Flurförderzeuge
Gabelstapler (Diesel/Gas/Elektro)
DGUV Vorschrift 68
Elektro-Hubwagen / Ameise
DGUV Vorschrift 68
Hochregalstapler / Schubmaststapler
DGUV Vorschrift 68
Mitgänger-Flurförderzeuge
DGUV Vorschrift 68
Regale
Palettenregale / Schwerlastregale
DIN EN 15635
Fachbodenregale
DIN EN 15635
Kragarmregale
DIN EN 15635
Durchlaufregale
DIN EN 15635
Tore und Verladeeinrichtungen
Schnelllauftore / Rolltore
BetrSichV
Verladebrücken / Überladebrücken
BetrSichV
Hebebühnen / Scherenhubtische
DGUV Vorschrift 54
Elektro und Brandschutz
Ortsveränderliche E-Geräte
DGUV Vorschrift 3
Ortsfeste elektrische Anlage
DGUV Vorschrift 3
Feuerlöscher
DIN 14406
Sprinkleranlage
VdS / DIN EN 12845
Brandmeldeanlage
DIN 14675
Notbeleuchtung / Fluchtwegebeleuchtung
ASR A2.3
Fahrzeuge
LKW / Transporter
DGUV Vorschrift 70
Anhänger
DGUV Vorschrift 70
Ladungssicherungsmittel (Gurte, Netze)
VDI 2700
Praxistipp
Ein Lager mit 500 Palettenstellplätzen hat typischerweise 200–300 Regale die inspiziert werden müssen. Dazu kommen 5–15 Stapler, 10–30 Tore und Verladeeinrichtungen, hunderte Elektrogeräte und die Brandschutzanlage. Das sind locker 400+ Prüftermine pro Jahr.
Gefährdungsbeurteilung für Lager und Logistik
Ein Logistikbetrieb braucht GBUs für mindestens diese Arbeitsbereiche:
Typische Gefährdungen
Mechanisch
Anfahrunfälle (Stapler), herabfallende Ladung, Regaleinsturz, Quetschung an Toren/Rampen
Physisch
Heben und Tragen (Kommissionierung), Zwangshaltungen, repetitive Bewegungen
Verkehrswege
Kreuzungen Stapler/Fußgänger, Rampen, unebene Böden, Nässe
Psychisch
Zeitdruck (Peak-Zeiten, Same-Day-Delivery), Monotonie, Schichtarbeit, Leistungskontrolle
Klima
Kühllagerbereiche (Tiefkühllager −18 °C bis −25 °C), Zugluft an Verladerampen
Lärm
Stapler, Fördertechnik, Verpackungsmaschinen
Pflichtunterweisungen in Logistik und Lager
Staplerfahren (jährliche Unterweisung)
DGUV Vorschrift 68 §7
Ladungssicherung
DGUV Regel 100-001, VDI 2700
Richtiges Heben und Tragen / Ergonomie
LasthandhabV
Verkehrswege und Fußgängersicherheit
DGUV Vorschrift 1
Regalbeauftragter-Schulung
DIN EN 15635
Allgemeine Sicherheitsunterweisung
ArbSchG §12
Brandschutz und Evakuierung
ArbSchG §10
Erste Hilfe
DGUV Vorschrift 1
PSA (Sicherheitsschuhe, Warnweste, Gehörschutz)
PSA-BV
Gefahrstoffe (Batterieladestationen, Reinigungsmittel)
GefStoffV §14
Praxistipp
Die Staplerunterweisung ist die wichtigste Unterweisung im Lager. Der Staplerschein (Ausbildung nach DGUV Grundsatz 308-001) ist die einmalige Qualifikation — die jährliche Unterweisung ist die betriebsspezifische Auffrischung: Verkehrswege in IHREM Lager, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Ladungsaufnahme, Verhalten bei Personenverkehr.
Der Regalbeauftragte — eine Pflicht die viele nicht kennen
- DIN EN 15635 verlangt: Jeder Betreiber von Regalen muss einen Regalbeauftragten benennen
- Der Regalbeauftragte führt die wöchentlichen Sichtprüfungen durch
- Er muss geschult sein — Schulung durch Regalhersteller oder Prüfdienstleister
- Er dokumentiert Schäden und veranlasst Reparaturen
Fragen Sie sich: Wer ist in Ihrem Lager der Regalbeauftragte? Wenn Sie jetzt niemanden nennen können, haben Sie ein Problem.
Checkliste: Ist Ihr Lager bereit für die BGHW?
- 1GBU für alle Lagerbereiche vorhanden und aktuell
- 2Staplerprüfung (UVV) für alle Flurförderzeuge aktuell
- 3Fahrerlaubnis und jährliche Unterweisung für alle Staplerfahrer dokumentiert
- 4Regalbeauftragter benannt und geschult
- 5Jährliche Regalinspektion durch Experten durchgeführt und dokumentiert
- 6Wöchentliche Regal-Sichtprüfungen dokumentiert
- 7Getrennte Verkehrswege für Stapler und Fußgänger markiert
- 8Geschwindigkeitsbegrenzung für Stapler festgelegt und beschildert
- 9Torprüfungen aktuell
- 10DGUV V3 Prüfung E-Geräte aktuell
- 11Brandschutzanlage (Sprinkler, BMA, Feuerlöscher) geprüft
- 12Ladungssicherungsmittel geprüft
- 13Unterweisungsnachweise für alle Mitarbeiter vorhanden
- 14Verbandbuch DSGVO-konform geführt
- 15Ersthelfer benannt
Arbeitsschutz für Logistik digital verwalten — mit Sicherio
- Alle Stapler, Regale, Tore, E-Geräte mit Prüffristen im Blick — automatische Erinnerung
- GBU-Vorlagen für Lager, Kommissionierung, Verladebereich
- Staplerunterweisung + Ladungssicherung + Heben/Tragen als Pflichtthemen vorinstalliert
- Digitales Verbandbuch mit QR-Code — am Lagereingang und an jeder Verladerampe
- Regalinspektions-Protokolle digital dokumentieren
500 Regale. 10 Stapler. 50 Mitarbeiter. Alle Prüffristen, GBU, Unterweisungen — in einer Software.
14 Tage kostenlos testenHäufige Fragen zum Arbeitsschutz in Logistik und Lager
Mindestens einmal jährlich UVV-Prüfung durch einen Sachkundigen (DGUV Vorschrift 68). Zusätzlich: Tägliche Sichtprüfung durch den Fahrer vor Arbeitsbeginn (Gabel, Reifen, Bremse, Beleuchtung, Hydraulik).
Ja. Der Staplerschein (Ausbildung) ist einmalig — aber die betriebsspezifische Unterweisung muss jährlich wiederholt werden. Inhalt: Verkehrswege im eigenen Lager, Geschwindigkeitsregeln, Ladungsaufnahme, Personensicherheit.
Die wöchentliche Sichtprüfung macht der geschulte Regalbeauftragte (eigener Mitarbeiter). Die jährliche Experteninspektion muss durch einen qualifizierten Regalprüfer erfolgen — das kann ein Mitarbeiter des Regalherstellers oder ein externer Sachverständiger sein.
Sofort bewerten nach dem Ampelsystem der DIN EN 15635: Grün (OK), Gelb (beobachten), Orange (sofort entlasten und reparieren), Rot (sofort sperren und entlasten). Bei Orange und Rot: Regal sperren, Bereich absichern, Reparatur veranlassen. Niemals „erstmal weitermachen".
Ja, die Lastenhandhabungsverordnung verlangt eine spezifische Beurteilung. Nutzen Sie die Leitmerkmalmethode (LMM) der BAuA — sie ist das Standardverfahren und von den BGen anerkannt. Wenn die Bewertung hohes Risiko ergibt, müssen technische Hilfsmittel bereitgestellt werden.
Ja. Arbeit im Kühllager (unter 2 °C) und Tiefkühllager (unter −18 °C) erfordert: Spezielle PSA (Thermobekleidung, Handschuhe), begrenzte Aufenthaltsdauer, Aufwärmpausen, Notrufmöglichkeit und eine separate GBU die Kälteeinwirkung als Gefährdung berücksichtigt.