Arbeitsschutz für Elektrobetriebe — Strom ist unsichtbar, die Folgen nicht
40 Stromunfalltote in Deutschland im Jahr 2023. Zwischen 3.500 und 4.000 gemeldete Stromunfälle pro Jahr. Und die erschreckendste Zahl: 48,5% aller Stromunfälle betreffen ausgebildete Elektrofachkräfte — also genau die Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten. 89% der Unfälle passieren im Niederspannungsbereich — bei der Arbeit die Elektriker jeden Tag machen.
Die BG ETEM (Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse) kennt die Zahlen. Und sie prüft ob Ihr Betrieb die Risiken im Griff hat. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen was die BG ETEM von Ihrem Elektrobetrieb erwartet.
Die BG ETEM — Ihre Berufsgenossenschaft als Elektrobetrieb
Die BG ETEM (Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse) ist zuständig für Elektrohandwerk, Elektroinstallation, Schaltanlagenbau und Elektroindustrie. Sie übernimmt Prävention, Kontrolle, Rehabilitation und Entschädigung nach Arbeitsunfällen.
Die BG ETEM bietet mit "Praxisgerechte Lösungen" sogar eine eigene GBU-Software an — allerdings Desktop-basiert und nicht cloudbasiert.
Bei Betriebsbesuchen prüft die BG ETEM:
- Gefährdungsbeurteilungen
- DGUV V3 Prüfprotokolle
- Unterweisungsnachweise (insbesondere 5 Sicherheitsregeln)
- Verbandbuch
- Organisation der Arbeiten unter Spannung
Die 5 Sicherheitsregeln — das Fundament der Elektrosicherheit
Jeder Elektriker kennt die 5 Regeln — aber 82% der Stromunfälle passieren weil Regel 1 oder Regel 3 nicht eingehalten wird.
1Freischalten
Anlage vollständig von der Spannungsversorgung trennen. Hauptschalter betätigen, Sicherungen entfernen, Steckverbindungen ziehen.
WICHTIG: Die gesamte Arbeitsstelle definieren — nicht nur die Leitung an der man arbeitet.
Praxisfehler: "Ich schalte nur den Lichtschalter aus" — reicht nicht, die Phase kann trotzdem anliegen.
2Gegen Wiedereinschalten sichern
Schaltschloss blockieren, Sicherungen entnehmen und einstecken. Hinweisschild: "Nicht einschalten! Es wird gearbeitet!"
Praxisfehler: Kollege schaltet unwissentlich wieder ein — deshalb physisch sichern, nicht nur Zettel kleben.
3Spannungsfreiheit feststellen
Mit zweipoligem Spannungsprüfer prüfen (nicht einpoligem!). An ALLEN Leitern prüfen. Prüfmittel VOR und NACH der Messung an bekannter Spannungsquelle testen.
Praxisfehler: "Das habe ich gestern schon geprüft" — Spannungsfreiheit muss UNMITTELBAR vor Arbeitsbeginn festgestellt werden.
4Erden und Kurzschließen
Bei Hochspannung zwingend, bei Niederspannung situationsabhängig. Schützt vor kapazitiven Restladungen und Rückspeisungen.
In der Praxis im Niederspannungsbereich oft weggelassen — bei komplexen Anlagen trotzdem sinnvoll.
5Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken
Wenn sich Teile in der Nähe nicht freischalten lassen: Isoliermatten, Abdeckungen, Abschrankungen verwenden.
Praxisfehler: "Ich pass schon auf" — ein Abrutschen mit dem Schraubendreher reicht für einen Lichtbogen.
Praxistipp
Die 5 Sicherheitsregeln sind das erste Thema das die BG ETEM bei einer Kontrolle prüft — und das wichtigste Thema Ihrer jährlichen Unterweisung. Die BG ETEM bietet sogar eine Web-App mit den 5 Regeln an, die Ihre Mitarbeiter auf dem Smartphone dabeihaben können.
Prüffristen für Elektrobetriebe — Die vollständige Übersicht
Eigene Betriebsmittel (Werkstatt)
Ortsveränderl. E-Geräte (Bohrmaschine, Flex, Messgeräte)
DGUV Vorschrift 3
Verlängerungskabel, Kabeltrommeln
DGUV Vorschrift 3
Ortsfeste elektr. Anlage (eigene Werkstatt)
DGUV Vorschrift 3
Isolierte Werkzeuge (VDE-Schraubendreher)
VDE 0682-201
Messgeräte / Prüfmittel
DIN EN ISO 17025
Spannungsprüfer (2-polig)
VDE 0682-401
Isoliermatten, Abdeckungen
VDE 0680
Baustelle / beim Kunden
Baustromverteiler
DGUV Vorschrift 3
Ortsveränderl. E-Geräte auf Baustelle
DGUV Vorschrift 3
Weitere Betriebsmittel
Leitern und Tritte
DGUV Information 208-016
PSA gegen Absturz
DGUV Regel 112-198
Feuerlöscher
DIN 14406
Firmenfahrzeuge
DGUV Vorschrift 70
Regale (Lager)
DIN EN 15635
WICHTIG: Die Prüffristen für Geräte auf Baustellen sind kürzer als in der Werkstatt. Die genauen Intervalle legen Sie in Ihrer Gefährdungsbeurteilung fest — die DGUV V3 gibt Empfehlungen, aber der Arbeitgeber entscheidet. Bei hoher Belastung (Staub, Feuchtigkeit, häufiger Transport) sollten Sie kürzere Intervalle wählen.
Praxistipp
Ein Elektrobetrieb mit 15 Mitarbeitern hat typischerweise 200–400 ortsveränderliche Geräte und Kabel die geprüft werden müssen. Dazu kommen die eigene Werkstattanlage, Leitern, Fahrzeuge, PSA und Feuerlöscher. Das sind leicht 300+ Prüftermine pro Jahr — die koordiniert werden müssen.
Gefährdungsbeurteilung für Elektrobetriebe
Als Elektrobetrieb brauchen Sie GBUs für mindestens diese Arbeitsbereiche: Werkstatt/Schaltschrankbau, Elektroinstallation auf Baustellen, Arbeiten an bestehenden Anlagen, Büro. Für besonders gefährliche Arbeiten (Arbeiten unter Spannung, Arbeiten in der Höhe) eine separate GBU.
Elektrische Gefährdungen — der Hauptrisikofaktor
- Körperdurchströmung: Bereits 50 mA können tödlich sein (Herzkammerflimmern)
- Lichtbogen: Temperaturen bis 20.000°C, Druckwelle, Verbrennungen, Augenschäden
- Sekundärunfälle: Erschrecken → Absturz von der Leiter → statistisch häufiger tödlich als der Stromunfall selbst
- Kapazitive Restladungen: Auch nach Abschaltung können Kondensatoren geladen sein
- Rückspeisung: PV-Anlagen, Batteriespeicher, Notstromgeneratoren — Anlagen die unerwartet unter Spannung stehen
- NEU 2024/2025 — Batteriespeicher und PV: Gleichstrom hat andere Gefahren als Wechselstrom (kein Loslassen möglich, kein Nulldurchgang)
Absturz
Die häufigste Todesursache im Elektrohandwerk ist NICHT der Stromunfall, sondern der Absturz. Arbeiten auf Leitern, Dächern (PV-Installation), Masten, Gerüsten. Ab 1 m Absturzhöhe auf Baustellen: Sicherung Pflicht. PV-Montage auf Dächern erfordert eine besondere GBU nach DGUV Information 203-042.
Gefahrstoffe
- Lötzinn mit Blei (in Altanlagen), Flussmittel
- Kabelisolierung: Beim Trennen alter Leitungen PVC-Rauch
- Klebstoffe und Vergussmassen
- In Altbauten: Asbest in alten Elektroinstallationen (Schaltanlagen, Nachtspeicheröfen)
- PCB in alten Kondensatoren und Vorschaltgeräten
Mechanische Gefährdungen
- Schnitt- und Stichverletzungen beim Kabelabisolieren
- Bohren, Stemmen, Schlitzen: Augen- und Handverletzungen
- Schwere Werkzeugkoffer und Materialien transportieren
Arbeitsumgebung
- Beengte Räume: Schaltschränke, Unterverteilungen, Deckenhohlräume
- Witterung bei Außenarbeiten: Hitze, Kälte, Nässe, UV-Strahlung
- Baustellen: Lärm, Staub, ungesicherte Bereiche, Fremdgewerke
Psychische Belastungen
- Zeitdruck: "Die Baustelle muss heute fertig werden"
- Alleinarbeit: Elektriker arbeiten oft allein beim Kunden — bei einem Stromunfall ist niemand da für Erste Hilfe
- Wechselnde Einsatzorte: Jeden Tag eine andere Baustelle
- Verantwortungsdruck: Fehler bei der Installation können Menschenleben kosten
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14 Tage kostenlos testenPflichtunterweisungen für Elektrobetriebe
5 Sicherheitsregeln
DGUV Vorschrift 1, VDE 0105-100
Allgemeine Sicherheitsunterweisung
ArbSchG §12
Brandschutz und Evakuierung
ArbSchG §10
Erste Hilfe (inkl. Stromunfall)
DGUV Vorschrift 1
Arbeiten unter Spannung (AuS)
DGUV Regel 103-011
Arbeiten in der Höhe / Absturzsicherung
DGUV Regel 112-198
Umgang mit PSA
PSA-BV §3
Gefahrstoffe (falls relevant)
GefStoffV §14
Leitern und Tritte
DGUV Information 208-016
Alleinarbeit
DGUV Regel 112-139
PV-Anlagen und Batteriespeicher
DGUV Information 203-042
Die 5 Sicherheitsregeln sind die wichtigste Unterweisung im Elektrohandwerk. Sie muss nicht nur theoretisch vermittelt, sondern praktisch eingeübt werden. 82% der Stromunfälle ließen sich vermeiden wenn die Regeln konsequent eingehalten würden.
Praxistipp
Kombinieren Sie die Unterweisungen sinnvoll: 5 Sicherheitsregeln + Erste Hilfe bei Stromunfall + PSA in einem 60-Minuten-Block. Absturzsicherung + Leitern in einem zweiten. So brauchen Sie nur 3–4 Termine pro Jahr.
DGUV Vorschrift 3 — Was Sie als Elektrobetrieb wissen müssen
Viele denken bei DGUV V3 nur an die Prüfung der eigenen Geräte. Aber die Vorschrift betrifft den gesamten Betrieb:
- DGUV V3 §3: Der Arbeitgeber darf nur Elektrofachkräfte oder unter Aufsicht stehende elektrotechnisch unterwiesene Personen (EuP) an elektrischen Anlagen arbeiten lassen
- DGUV V3 §5: Elektrische Anlagen und Betriebsmittel dürfen nur in ordnungsgemäßem Zustand betrieben werden
- DGUV V3 §6: Vor der ersten Inbetriebnahme müssen Anlagen und Betriebsmittel geprüft werden
- Die Prüffristen legt der Arbeitgeber auf Basis seiner GBU fest — die DGUV gibt Empfehlungen in der DGUV Information 203-070
DGUV V3 betrifft Sie doppelt: Erstens müssen Sie Ihre EIGENEN Geräte und Anlagen prüfen. Zweitens müssen Sie bei Kunden installierte Anlagen vor Übergabe einer Erstprüfung unterziehen.
Neue Herausforderungen: PV-Anlagen und Batteriespeicher
Der PV-Boom bringt neue Gefahren: Gleichstrom bis 1.000 V auf Dächern.Batteriespeicher mit Li-Ion-Zellen können bei Beschädigung einen "Thermal Runaway" auslösen — unkontrollierte Brände mit giftigen Gasen.
- DGUV Information 203-042: Spezielle Anforderungen an PV-Montage
- Arbeiten auf Dächern: Absturzsicherung + elektrische Gefährdung gleichzeitig
- Gleichstrom: Kein Loslassen möglich (kein Nulldurchgang wie bei Wechselstrom)
- PV-Module lassen sich nicht abschalten solange Licht einfällt
- Batteriespeicher: Hochvolt-Gleichstrom, Brand- und Explosionsgefahr
Viele Elektrobetriebe die in den PV-Markt einsteigen, unterschätzen die zusätzlichen Arbeitsschutz-Anforderungen. Eine separate GBU für PV-Montage ist Pflicht.
Checkliste: Ist Ihr Elektrobetrieb bereit für die BG ETEM?
- 1Gefährdungsbeurteilungen für alle Arbeitsbereiche vorhanden und aktuell
- 2DGUV V3 Prüfprotokolle für alle eigenen Geräte aktuell
- 3Unterweisungsnachweis 5 Sicherheitsregeln für jeden Mitarbeiter (max. 12 Monate alt)
- 4Unterweisungsnachweise für alle weiteren Pflichtthemen vorhanden
- 5Verbandbuch DSGVO-konform geführt
- 6Prüfmittel (Spannungsprüfer, Messgeräte) kalibriert und dokumentiert
- 7PSA vorhanden und in ordnungsgemäßem Zustand (isolierte Werkzeuge, Schutzhandschuhe, Helm)
- 8Regelung für Alleinarbeit vorhanden (Personen-Notsignal-Anlage oder regelmäßige Rückmeldung)
- 9Bei PV-Montage: Separate GBU und Absturzsicherung vorhanden
- 10Ersthelfer benannt und ausgebildet
- 11Fachkraft für Arbeitssicherheit beauftragt
- 12Betriebsarzt beauftragt
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- Prüffristen für 200+ Geräte im Blick: Automatische Erinnerung 30 Tage vor jeder DGUV V3 Fälligkeit
- GBU-Vorlagen für Elektroinstallation, Schaltschrankbau, PV-Montage
- 5 Sicherheitsregeln als Unterweisungsthema vorinstalliert — Mitarbeiter bestätigen digital
- Digitales Verbandbuch: Besonders wichtig bei Alleinarbeit — Unfälle sofort dokumentieren auch unterwegs
- PDF-Prüfprotokolle und Unterweisungsnachweise für die BG ETEM auf Knopfdruck
300 Prüftermine, 5 Sicherheitsregeln, 15 Mitarbeiter — alles in einer Software.
14 Tage kostenlos testenHäufige Fragen zum Arbeitsschutz im Elektrohandwerk
Mindestens einmal jährlich (DGUV Vorschrift 1 §4). Die Unterweisung muss auf die konkreten Arbeitsbedingungen in Ihrem Betrieb bezogen sein — eine allgemeine PowerPoint-Präsentation reicht nicht. Praktische Übungen sind empfohlen.
Ja, wenn Sie Elektrofachkraft sind. Sie brauchen keinen externen Prüfer. Aber: Die Prüfmittel müssen kalibriert sein, die Prüfung muss dokumentiert werden, und die Ergebnisse müssen aufbewahrt werden bis zur nächsten Prüfung.
PV-Anlagen erzeugen Gleichstrom bis 1.000 V — der lässt sich nicht einfach abschalten solange Licht auf die Module fällt. Sie brauchen eine separate GBU nach DGUV Information 203-042, Absturzsicherung für Dacharbeiten, und eine spezielle Unterweisung für Ihre PV-Monteure.
Elektriker arbeiten oft allein beim Kunden. Sie brauchen eine Regelung nach DGUV Regel 112-139: Entweder eine Personen-Notsignal-Anlage (Totmannschalter), regelmäßige telefonische Rückmeldung, oder ein Verbot von Alleinarbeit bei besonders gefährlichen Tätigkeiten.
Ja, jeder Betrieb muss sicherheitstechnisch betreut werden. Bei bis zu 50 Beschäftigten können Sie das Unternehmermodell wählen (nach BG ETEM Seminar „Fachwissen Arbeitsschutz") oder eine externe SiFa beauftragen.
Ja. AuS ist nur zulässig wenn ein Freischalten nicht möglich oder nicht zumutbar ist. Sie brauchen eine AuS-Anweisung, speziell ausgebildete und beauftragte Mitarbeiter, geeignete PSA (isolierende Handschuhe, Gesichtsschutz) und eine separate Unterweisung.